Tag 1

Die Sonne steht wachend am Horizont, prüft jeden meiner Schritte, die ich durch den heißen Sand mache, wie ich über Dünen aus Weite stopere, hinauf und wieder hinab. Immer wieder brechen sich die Wellen an meinen Füßen, werfen mich kilometerweit zurück, werfen mich zu Boden, werfen mich gegen eine Wand aus noch mehr Sand, gegen meinen Verstand. Eine Melodie spielt eine halsbrecherische Partitur in meinem Kopf, dann klingelt wieder mein Telefon. Es ist der Operator. Wie vor 5 Minuten, wie letzte Stunde, wie gestern, wie vor hundert Jahren, wie immer wiederholt er die gleichen Zahlen.
Ich bitte ihn um Wasser, nur ein paar Tropfen, doch er lächelt, ich kann es hören, und legt auf.
Voller Verzweiflung schleudere ich das Telefon fort und als ich mich ein paar Schritte später danach umdrehe, ist es bereits unterm Sand verweht.


Tag 2

Es wird nicht mehr Tag. Die Sonne hat einfach ausgesetzt, mich mit der Dunkelheit allein gelassen. Die Luft kann sich nicht entscheiden, ob sie kochend heiß oder eisig kalt sein will. Ich wandere durch die Nacht, die Richtung ist egal, ich will nur raus. Der Operator hat nur einmal angerufen, sagte die Zahlen und legte hastig auf.


Tag 3

Mein Telefon hat eben kurz geklingelt, doch als ich die grüne Taste gedrückt habe, hat mich das Tuten schon hämisch ausgelacht.
Ich habe zum ersten Mal, seit ich denken kann in den Himmel gesehen. Zumindest vermute ich, dass es der Himmel war, weil mein Nacken danach so herrlich geschmerzt hat, und einen Stern gesehen, klein, wie ein Sandkorn, so klein, dass ich ihn die letzten Jahre übersehen haben muss. Er erinnert mich an meine Vergangenheit und sagt mir meine Zukunft vorraus: Sand. Quartzkristalle, angeordnet zu einer Welt. Meiner Welt. Steine sind Steine sind Sand.


Tag 4

Ich kann kaum mehr gehen, doch meine Füße schleifen mich immer weiter durch den sandigen Untergrund.
Ich habe etwas gesehen. In der Ferne, gerade weit genug entfernt, um erreichbar zu sein und nah genug, um unerreichbar zu sein, steht etwas in der Hitze, Vielleicht nur eine weitere Fata Morgana. Stahl blitzt im Licht des einzigen Sterns.
Ich nehme Kurs auf, steuere meinen ausgelaugten Körper durch die Sandwogen. Etwas wie Hoffnung keimt in meinem Herzen, durchbricht die graue Schale und streckt seinen zarten Stängel in die Dunkelheit meines Daseins. Der Operator hat sich heute kein einziges Mal gemeldet.


Tag 5

Das Gebilde am Horizont wird größer, noch immer kann ich nicht erkennen was es ist, aber es glänzt im Widerschein des Lichts und zieht mich magisch an, meine Hoffnung gedeiht prächtig. Auch heute hat der Operator nicht angerufen. Es ist wieder etwas heller geworden. Der Sand unter meinen Füßen ist heute besonders sandig.


Tag 6

Das Ding wird größer. Warten auf den Operator. Der Sand ist sandig.


Tag 7

's wird groesser wart'n 'f operator sand is' sandig


Tag 8

groessr wart' oprtr sand-ig


Tag 9

grssr woprtr sndg


Tag 10

grwosg


Tag 11

Ich habe mein Ziel erreicht! Das ist es! Alles, von dem ich jemals zu träumen gewagt habe, ist wirklich wahr geworden!

Fast alles. Auch heute hat der Operator nicht angerufen. Aber der Tag ist noch nicht um.

Mitten in der Wüste, in der vor ein paar Tagen alles dunkel geworden ist, stehe ich vor einem Käfig! Keine Oase mit Palmen, exotischen Früchten und klarem, kaltem Wasser, keine Fata Morgana, kein Scheinriese, nur ein Käfig!

Besser als nichts.

Er ist quadratisch, an jeder Seite ungefähr drei Meter lang, das ergibt siebenundzwanzig Quadratmeter Volumen. Als ich genau hinsehe, erkenne ich durch meine ausgebrannten Augen, dass er doch eine Oase ist. Im Inneren steht ein Baum, an dem Äpfel hängen, ein Wasserhahn wächst aus dem Boden, unter dem sogar ein Eimer steht. Die Tür steht offen, ich will hinein gehen und etwas trinken, doch als ich gerade die Schwelle übertreten will, höre ich ein mechanisches Klicken und springe zurück. Über der Öffnung ist ein Schließmechanismus angebracht, der aus gelöst wird, wenn jemand den Käfig betritt.

Unschlüssig setze ich mich auf den Sand, lehne mich gegen die Gitterstäbe und schlafe augenblicklich ein. Zum ersten Mal in meinem Leben schlafe ich ein.


Tag 12

Ich bin verzweifelt. Der Operator hat heute angerufen, mich aus meinem Sandgoldenen Schlaf geweckt, doch das Telefon liegt im Käfig. Ich stand stundenlang vor den Gitterstäben, vor der Tür, vor dem komplexen Schließmechanismus und habe mir den Kopf zerbrochen. Irgendwann ist mir das ständige Klingeln des Telefons zu viel geworden und ich habe angefangen zu weinen. Salzige Tränen vermischten sich mit dem Sand. Nach einigen Stunden habe ich mich aufgerafft, bin aus dem Tränensee um mich herum hinausgewatet und habe weiter nachgedacht.

Als ich zufällig zwei Würfel auf dem Boden finde, fange ich an zu würfeln. Hundert Würfe. Bei einer Augenzahl von sechs oder weniger gibt es einen Punkt fürs draußen bleiben, bei sieben oder mehr einen fürs Käfig betreten - und für immer gefangen sein. In der Wüste; mit Äpfeln und Wasser; Bei 56 Grad im Schatten.

Am Ende steht es einundfünzig zu neunundvierzig fürs draußen bleiben. Ich erweitere die Reihe auf Tausend Würfe. Sechshundertunddrei zu dreihundertsiebenundneunzig fürs draußen bleiben.

Noch eine Reihe. Eine Million Würfe.

Bei dreitausendeinundsechzig verzähle ich mich und muss von neuem beginnen. Wütend schleudere ich die Würfel weit in die Wüste, laufe hinterher und vergrabe sie im Sand.

Wo auch sonst.

Neuer Versuch, anderes Mittel. Ich stelle mir vor, ich sei ein Zufallsgenerator, wähle zufällig eine Zahl zwischen Null und Eins aus, bei einer Null bleibe ich draußen, bei einer Eins gehe ich hinein, zu den Äpfeln und dem klaren Wasser.

Und bin für immer gefangen. In der heißkalten Wüste. Trotzdem.

Zweihundertfünfunddreißig mal kommt eine Null heraus, bevor ich hinein gehen kann. Langsam und vorsichtig, aber bestimmt. Es ist Abend geworden in der Wüste, als die Tür hinter mir ins Schloss fällt.

Die Hoffnung in mir fängt an zu welken.


Tag 13

Ich stürze am dreizehnten Tag quer durch den Käfig, reiße das Telefon an mich und drücke auf den grünen Knopf!, doch der Operator hat schon aufgelegt.
Fassungslos stehe ich da, starre das Display an, sinke zu Boden, falle der Länge nach hin, das kleine Gerät noch immer fest umklammert. So gleite ich in einen Traum, in dem ich weiß, dass mein neues Fahrrad im Keller steht und nur darauf wartet, heraufgeholt zu werden. Doch als ich die Treppe hinuntergerannt bin und in dem vollgestopften Raum stehe..

..wache ich auf. Und merke, dass der Käfig gar keinen Keller hat.

Betrug!, schreie ich, doch es hilft nichts. Das Fahrrad war eine Einbildung und der Traum stammt aus meiner Kindheit. Der Operator auch immernoch nicht angerufen. Ich setze mich erschöpft an den Apfelbaumstamm, blicke hinauf in die grünen Blätter und warte. Ich habe keinen Hunger und keinen Durst. Mehr.

Der Wasserhahn tropft und die Äpfel hängen voll und reif an den Ästen, so als wollten sie mich davon überzeugen, dass sie in der Lage seinen, den Operator zu ersetzen.

Ich strafe ihre Dummheit mit Nichtbeachtung.


Epilog

Am nächsten Morgen entdecke ich das Zahlenschloss. Unscheinbar hängt es in einer Ecke des Käfigs, der ich bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt habe.
Und dann fällt es mir wie Sanddünen von den Augen. Die Zahlen. Der Operator. Das Telefon. Die ständigen Anrufe.
Ich stürze in den Teil meines Kopfes, wo ich die Zahlen aufbewahrt habe, die mir der Operator schon so lange einredet. Reiße jede Erinnerungstür weit auf, doch mich erwartet jedes Mal das gleiche Bild: Schlafende Leere, Spinnweben, Gedämpftes Licht.

Später sitze ich unter dem Baum und esse Äpfel, in einer Hand das Telefon. Es heißt, Nahrung regt die Gehirnleistung an, Vitamnine besonders.
Warte auf den Operator. Warte darauf, dass meine Erinnerung zurückkehrt. Warte auf den Operator. Warte darauf, dass meine Erinnerung..

Verdammt, ich muss mich erinnnern.