Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich niemanden.

Wer bin ich ohne Spiegelbild? Meine Gedanken kreisen um die Frage wie Motten um eine Lampe.

Schon unzählige Male bin ich im Traum durch das Haus gewandert, die alte Holztreppe hoch, an den vielen Bildern ohne Gesichtern vorbei, mit der Hand über das Geländer gestrichen, Staub aufwirbelnd.

Das dämmrige Licht lässt Schatten entstehen, wo keine sein sollten.

Die Tapete ist bleich und tot, wo früher all die Spiegel hingen, die Muster zerkratzt von Glasscherben.

Nur ein Spiegel hängt noch, doch er wird bald abgehängt werden. Ich habe einmal im Vorbeigehen hinein gesehen, kurz, und mich selbst gesehen, wie ich wegschaue. Nun meide ich ihn, aus Angst, ich komme mir selbst zu nahe.

Ich schwebe an ihm vorbei und spüre schmerzhaft meinen Blick in meinem Nacken. Dort ist nun eine Wunde, die ich immer wieder und wieder aufreiße. Bis sie zur Narbe wird. Und mich daran erinnert. An den Schmerz, mich selbst an mir vorbei gehen zu sehen. An den Spiegel, der nicht mehr spiegelt, sondern schmutzig und blind wurde.

So wie ich selbst blind und kopflos umhertaste, immer auf der Suche nach einem staubigen Geländer, das mich die nächsten Stufen hinauf begleitet. Hinauf bis in den Keller, und dann fällt alles in sich zusammen, wie ein Kartenhaus aus Jokern.

Gesichtslos, ohne Identität.