Technos & Psyche

Eden

January 1, 2018

„Ein Ort, an den du fliehen kannst, wenn dich er Alltag zu überwältigen droht. Ein Ort, der schon immer da war und auf dich wartet. Ein Ort, der dir das Gefühl gibt, endlich zu Hause zu sein.“

An solch einen Ort wünschte ich mich oft auf meinem Weg von der immerwährenden Eintönigkeit meiner Arbeit in die erdrückende Einsamkeit meiner neuen Wohnung.

An diesem Tag war ich schon eine Weile ziellos durch die Straßen gewandert, den Moment des Eintreffens in meine vier Wände wieder und wieder hinauszögernd. Plötzlich fiel mir auf, dass ich mich verlaufen hatte und in einer mir unbekannten Straße stand.

Eine schmale Gasse, in der die Häuser dicht an dicht standen, schaute mich aus verdreckten, flackernden Straßenlaternen an.

Ich war müde und trottete gerade an einem Gartenzaun vorbei, von dessen Latten die Farbe abblätterte, als ich aus den Augenwinkeln eine Flut von Grün in der trostlosen Bleiche der Häuser wahrnahm.

Es war eine Nische zwischen zwei Häusern, darin eingebettet lag ein Garten wie ein liebevoll gestaltetes Diorama in einem Zimmer voller Gerümpel. Zwischen dem hohen Gras wucherte Unkraut, Büsche in allen Größen und Formen standen wahllos verstreut, manche zerrupft und karg, andere dicht und blühend. In der Mitte stand eine Weide, deren dicht bewachsene Äste wie ein halb geöffneter Theater Vorhang über die gesamte Breite des Gartens hingen. An den Nachbarhäusern wucherte Efeu empor, so als wolle es die umliegenden Wände ganz und gar verdecken.

Ich trat an den Zaun heran und beugte mich, soweit es ging, in den Garten hinein, intuitiv nach etwas suchend. Ich konnte mir nicht ausmalen, nach was ich eigentlich suchte, bis ich es hinter dem Stamm des Baums und einigen Büschen aufblitzen sah. Es war kein Juwel im eigentlichen Sinne, doch bei mir löste es eine unwiderstehliches Sehnen aus, den Garten zu betreten. Die schlichte Rückenlehne einer Bank lugte zwischen einigem Gestrüpp im hinteren Ende des Gartens hervor.

Ich trat einige Schritte zurück, geblendet von der unerwarteten Schönheit und konnte schließlich über dem Wipfel der Weide ein Rotes Ziegeldach erahnen. Viel mehr war von dem Haus hinter diesem wuchernden Eden nicht zu erkennen.

Trotz meines Verlangens, sofort über den Zaun zu klettern, zu erkunden, was hinter dem Weidenvorhang lag und mich auf die Bank zu setzen, wandte ich mich ab und trat meinen Heimweg an. Dabei versprach ich mir, morgen wieder zu kommen, denn der Samen war gesetzt.


In der Nacht suchten seltsame Szenen meine Träume heim.

Menschenleere Städte, die die Natur zurückerobert hatte, mit überwucherten Autos auf den Straßen und halb verfallenen Ruinen , aus denen sich Bäume ihren Weg zum Sonnenlicht bahnten.

Mit Gelächter und Musik erfüllte Wälder mit Girlanden und Lampions geschmückt, wo Wesen aller Art um große Lagerfeuer ausgelassen aßen, tranken und tanzten.

Gras bewachsene Hügel, ein grünes Meer, das sich endlos im Licht einer untergehenden Sonne erstreckte, umschlungen von einer friedlichen Stille.

Überall begegneten mir Bänke, rostend in einem verwilderten Park, mit kunstvollen Schnitzereien vor einem Feuer oder majestätisch thronend auf einer Hügelkuppe. Sie schienen mir etwas sagen zu wollen, doch ich verstand es nicht.


Als ich am frühen Morgen erwachte, war aus dem Samen eine schillernde Blume geworden und ich war fest entschlossen, die geheimnisvolle Bank zu finden.

Ich bog in die selbe Straße ein wie am Tag zuvor und steuerte zielstrebig auf den Gartenzaun mit der abblätternden Farbe zu. Wieder bewunderte ich diese Oase des Lebens und wieder suchte ich die Bank. Dann schwang ich mich mit einem Satz elegant über den Zaun und machte mich daran, den vorderen Teil des Gartens zu durchqueren. Leichtfüßig glitt ich durch das hohe Gras, wich den vielen Hecken und Büschen aus aus und stand schließlich vor der großen Weide.

Der Baumstamm war knorrig und alt, strahlte gleichzeitig aber etwas majestätisches aus, sodass ich nicht umhin konnte, stehen zu bleiben und fasziniert in die hohe Baumkrone zu starren, obwohl meine Gedanken noch immer um die Bank schwirrten wie eine todesmutige Motte um eine Kerze und so setzte ich meinen Weg fort.

Der hintere Teil des Gartens glich einem Dschungel, das Gras stand mir hier fast bis zur Tallie, sodass ich nun langsamer voran kam. Die Anordnung der Büsche und Hecken glich einem Labyrinth und war so dicht, so dass ich mehrmals in einer Sackgasse landete und umkehren musste.

Trotzdem war ich guter Dinge, während ich mir meinen Weg durch das Unterholz bahnte, da ich immer wieder durch einen Spalt zwischen den Blättern die Bank entdeckte, und langsam arbeitete ich mich zu meinem Ziel vor.

Urplötzlich lichtete sich das Dickicht und in mir loderte eine freudige Erwartung auf, nur für einen kurzen Moment - denn als die Blätter die Sicht freigaben, auf das, was im hintersten Teil des Gartens versteckt lag, überfiel mich eine Enttäuschung wie ein Schwall kaltes Wasser und erstickte das Feuer in meinem Inneren.

Eine kahle, graue Hauswand streckte sich mir entgegen, von der der Putz bereits abbröckelte und die Ebenfalls vom Efeu in Beschlag genommen worden war. Zu meiner Linken befand sich eine Tür aus weiß gestrichenen Holzlatten und in den oberen Stockwerken konnte ich mehrere kleine, vom Staub blinde Fenster sehen.

Doch das Objekt meiner Sehnsucht, von dem ich letzte Nacht so lebhaft geträumt hatte und das ich auf meinem Weg hierher immer wieder zwischen Ästen und Laub zu sehen geglaubt hattre, war nirgends zu entdecken.

Das erste Bild, dass mir in den Sinn kam, war das eines Reisenden, der abgehetzt an einem Bahnsteig ankommt und bemerkt, dass sein Zug längst abgefahren ist. Er flucht leise und überlegt, immer noch schwer atmend, ob er sich in der Zeit oder im Gleis geirrt hat, vielleicht sogar im Bahnhof.

Meine Einbildung musste mir einen üblen Streich gespielt haben. Hatte ich nicht immer wieder die Bank gesehen? Und eine grüne, saftige Wiese, die sich dahinter erstreckte? Oder vermischten sich die profane Realität dieses Gartens mit meinen phantastischen Träumen?

Ich muss wohl eine ganze Zeit dort gestanden und meinen Gedanken nachgehangen haben, denn irgendwann wurden meine Füße schwer und ich setzte mich an die Hauswand, überlegte, was ich nun tun sollte.

Jetzt umkehren, kam nicht in Frage. Andererseits war ich schon in den Garten eingedrungen und würde nun auch noch verbotenerweise das Haus betreten. Was versprach ich mir davon? Wieder blickte ich zu den Fenstern über mir und meine Neugier nahm Überhand.

Ich sprang auf, klopfte den Staub von meinem Hosenboden und schritt zur Tür, um sie zu beäugen.

Dies war keine gewöhnliche Haustür, wie ich sie erwartet hatte. Durch die Schlitze zwischen dem Holz konnte ich in dämmriges Dunkel spähen. Die eiserne Klinke ließ sich erstaunlich einfach hinunterdrücken und die Tür schwang geräuschlos auf, so als ob jemand regelmäßig die Scharniere ölte.

Vor mir tat sich ein breiter Gang mit runder Decke auf, der wohl knapp hundert Meter lang sein musste und an dessen Ende eine Biegung zu sein schien, wo sich schwaches Licht in das Schwarz wagte.

In meinem Kopf schwirrten Fragen wie ein Bienenschwarm. Wer hatte hier gelebt? Wie gelangte man in die oberen Stockwerke? Wohin führte der Gang? Wie konnte es sein, dass ich in einer solch kleinen Gasse vor einem Gang stand, der mehr als doppelt so lang war als die Straße breit? War ich allein? Und warum waren, seit ich die Tür geöffnet hatte, keinerlei Geräusche mehr zu hören?

Mir war mit einem Mal klar, dass ich neben der Bank auch mehr und mehr Antworten auf Fragen suchte, die mir dieser wundersame Ort aufgab und ich begann, mich vorzutasten. Außer meinen eigenen Schritten hörte ich keinen Laut, was mich beunruhigte, doch es hinderte mich nicht daran, weiterzugehen, vorsichtig, mit einem Blick über die Schulter dann und wann.

Das Licht an der Biegung wurde rasch stärker und meine langsames, behutsames Schritte wurden zu einem raschen Gehen, dann zu einem Laufen, schließlich rannte ich kopflos durch die Schwärze, stieß immer wieder an die Wände, taumelte kurz, raffte mich auf und stürzte schneller als zuvor dem Licht entgegen. Ich musste mich bremsen, um nicht gegen die Wand zu prallen. Kurz vor der Biegung blieb ich stehen und, in einem Anflug von Kindlichkeit, lugte um die Ecke, voller Freude, was mich erwarten würde und sah - Blätter.

Doch nicht nur irgendwelche Blätter, nein, ich erkannte sie, so wie man einen alten Freund erkennt, der an einem regnerischem Herbsttag im Regenmantel an einem vorüber geht. Es waren die tief hängenden Blätter der Weide. Es war die selbe Weide, dessen war ich mir sicher, die ich in der Mitte des Gartens bewundert hatte und in dem Moment kam es mir nicht im Geringsten seltsam vor, sie hier wieder zu sehen. Ich stieß einen Freudenschrei aus und warf mich gegen den knorrigen Stamm, umarmte ihn wegen des unerwarteten Wiedersehens.

Der Baum stand wie zuvor wie ein Vorhang zwischen mir und dem, was sich hinter dem Ende des Gangs befand und nachdem ich die erste Welle der Euphorie überwunden hatte, teilte ich die Blätter und schritt hindurch.

Als ich sah, was mich die ganze Zeit hier erwartet hatte, rieb ich mir die Augen, ungläubig stand ich da und Blickte auf die endlosen Hügel, die sich vor mir ausbreiteten, hier und da durchzogen von kleinen Wäldchen oder Bächen mit entzückenden kleinen Holzbrücken.

Es war ein Tal und ich stand am Rande davon auf einer größeren Erhebung und einige Schritte von mir entfernt stand die Bank.

Hier setzt meine Erinnerung komplett für ein paar Stunden aus, denn das nächste, an das ich mich erinnern kann ist, dass ich bei Sonnenuntergang auf der Bank saß, die Arme auf dem Rückenteil ausgebreitet und voll stiller Glückseligkeit den roten Feuerball zusah, wie er hinter den Hügeln verschwand und sein Farbenspiel hinterließ.

Immer noch benebelt von meiner Entdeckung und den folgenden Stunden versuchte sich der Alltag in meine Idylle einzuschleichen und ich dachte an meine Wohnung, daran, dass ich morgen arbeiten musste und die Welt um mich herum flackerte kurz.

Ich stieß einen kolossalen Seufzer aus und setzte mich auf, ließ einen letzten Blick über das Land vor mir streifen, „Morgen kannst du wieder kommen, oder übermorgen, wann immer es dir beliebt“, so dachte ich und eine wohlige Wärme von Geborgenheit breitete sich in meiner Brust aus.

Als ich mich umdrehte, bereit, den Heimweg anzutreten, traf mich die Realität wie ein Blitz. Ich drehte mich mehrmals um die eigene Achse, wanderte hierhin und dorthin, doch das Ergebnis war das selbe. Nirgendwo um mich herum war auch nur eine Spur der Weide, des Hauses oder der Mauer, die den Gang umschlossen hatte zu sehen. In alle Himmelsrichtungen erstreckte sich das dunkler werdende Grün der Hügel und der Bäume.

Lächelnd kehrte ich zu meiner Bank zurück.

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